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Der ICM 2017 in Marburg

Marburg (Lahn) in Hessen: Die Stadt ist z. B. für ihre Hochschule, die Philipps-Universität, bekannt. Sie wurde 1527 gegründet, und derzeit sind dort ca. 25.000 Studierende eingeschrieben, was ein Viertel der Marburger Bevölkerung ausmacht. Die Institute der Universität erstrecken sich über die gesamte Innenstadt, weshalb man heute sagt: „Andere Städte haben eine Universität, Marburg ist eine.“

Wer die Märchen der Brüder Grimm mag, sollte nach Marburg kommen, denn Jacob und Wilhelm Grimm haben in dieser Stadt studiert. Ihnen zu Ehren wurde dort 2009 der „Grimm-Dich-Pfad“ realisiert, auf dem bekannte Figuren aus ihren Märchen zu finden sind.

Was mich allerdings nach Marburg führte, war kein Thema aus dem 16. oder 19. Jahrhundert, sondern ein topaktuelles und zukunftsweisendes Thema: Die Konferenz „Inverted Classroom and Beyond – Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert“. Und ich hatte außerdem eine wichtige Frage zu beantworten …

Bei der ICM-Tagung im vergangenen Jahr in St. Pölten hatten die langjährigen Teilnehmer festgestellt, dass die Flipped Classroom-Bewegung den Charakter einer Graswurzelbewegung hätte:

Es handle sich um einen „Wandel, der nicht von oben diktiert wird, sondern sich aus der Lehrer- und Professorenschaft heraus vollzieht. Die Veranstalter des Kongresses, Mag. Freisleben-Teutscher und Prof. Handke, waren mit der diesjährigen Besucherzahl sehr zufrieden. `Das Gras wird höher und die Wiese dichter bewachsen`, drückte es ein Teilnehmer der abendlichen Runde aus.“

So bloggte ich im vergangenen Jahr und kündigte an: „Ich werde bestimmt wieder mit dabei sein und mich bis dahin fragen, wie hoch das Gras dann im Februar 2017 wohl stehen wird.“

Auch aus diesem Grund war ich nun in Marburg mit dabei.

Eine Stunde vor Beginn der Konferenz konnte ich schon die Bekanntschaft mit „Pepper“ machen. Der Roboter soll in Zukunft Studentensprechstunden übernehmen können und so die Professoren entlasten helfen.

Die Keynote am Dienstag hielt Sebastian Schmidt von www.flippedmathe.de. Der Androide Pepper, der auch moderieren kann, stellte den Lehrer einer Realschule in Neu-Ulm Pfuhl als „bekanntesten Vertreter des Flipped Classroom in Deutschland und vielgefragten Referenten“ vor.

Schmidts Schüler bereiten die Inhalte der nächsten Stunde mit Hilfe von Lernvideos vor. Dann werden allenfalls noch einzelne Verständnisfragen geklärt, ein „Ich habe gar nichts verstanden, erklären Sie bitte alles von vorne“ lässt er dabei nicht gelten. Wenn er bemerkt, dass Schüler das Video, das in der Regel ja nur ca. 5 Minuten dauert, überhaupt nicht angeschaut haben, so wird er „fuchsteufelswild. Und beim nächsten Mal schauen die Schüler das Video dann bestimmt an.“ Nur so lässt sich die Unterrichtszeit effektiv nutzen, in der die Schüler Übungen mit unterschiedlichen Niveaus auswählen, je nachdem, welche Note sie in der Schulaufgabe anstreben. Wer bei den Aufgaben nicht weiterkommt, kann auch spezielle Mitschüler („Peer-Tutoren“) um Hilfe bitten. Dabei kommt dann auch die Methode „Lernen durch Lehrer – LdL“ zum Tragen.

Damit ist sein Unterricht schülerzentrierter geworden; das Oberziel ist allerdings das selbstorganisierte Lernen, bei dem sich die Schüler eigenverantwortlich Lernpläne erstellen. „Doch das ist an der Schule noch eher unrealistisch“, so Sebastian Schmidt.

Anfangs waren seine Schüler vom Konzept des Flipped Classrooms nicht überzeugt. Manche vertraten vehement die Meinung „Sie sind der Lehrer, deshalb müssen Sie uns auch unterrichten!“. Doch nach einer vierwöchigen Erprobungsphase wollte kein Schüler mehr zurück zum traditionellen Unterricht. Und das möglichweise auch deshalb, weil der Lehrer spielerische Elemente in seinen Unterricht einbaute (Stichwort Gamification). Die Lernschrittsicherungen erfolgen nun zum Teil mit Kahoot!, und Schmidt stellt fest: „Gamification hat einen großen Einfluss auf den Lernerfolg, denn die Schüler sind besser vorbereitet, wenn sie wissen, dass wir Kahoot! spielen.“

Schmidt kann sich glücklich schätzen, denn er hat an seiner Schule mittlerweile ein Team gebildet, das den Mathe-Unterricht gemeinsam flippt: Schmidt erstellt die Videos, zwei Kollegen die dazugehörigen Arbeitsblätter und ein weiterer Kollege konzipiert die gemeinsamen Schulaufgaben. „Allein hätte ich das auf Dauer nicht durchhalten können. Schauen Sie also, dass Sie Ihre Kollegen mit ins Boot holen“, rät der Flipper.

 

Am Nachmittag belegte ich beim Workshop „Von der Idee zum Video“ den Kurs der Experten-Gruppe, deren Leiter Anton Bollen (von der Firma TechSmith) war. Wir arbeiteten mit Camtasia Studio, einer Software zur Erstellung und Bearbeitung von (Screencasting-)Videos, und verbesserten unter Bollens Anleitung eigene Videos.

Was macht überhaupt ein besseres Lernvideo aus? Nach Auswertung von mehreren Hundert Lernvideos identifizierte Bollens Team einige bedeutsame Merkmale:

Bekannter Urheber oder Quelle, Callouts (grafische Animationen), Video mit (zeitweise) sichtbarem Sprecher, gute Tonqualität und vorhandenes Intro/Outro (Vorspann/Abspann).

 

Der zweite Tag der Konferenz widmete sich dem Inverted Classroom an der Hochschule.

Der Vizepräsident der Philipps-Universität Marburg, Prof. Dr. Joachim Schachtner, begrüßte die Teilnehmer und blickte auf die erste ICM-Konferenz zurück, die 2012 stattgefunden hatte. Damals hatte die Veranstaltung gerade mal 40 Teilnehmer, die allesamt aus Hessen kamen. 2017 sind es stolze 150 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die Digitalisierung der Lehre verfolgt keinen Selbstzweck, sondern kann und soll immer nur unterstützend eingesetzt werden. Für die Lehrenden gilt es nun, die Potenziale des digitalen Lernens zu erkennen und in Beispielen zu kommunizieren, um so zu überzeugen. Flipped Classroom wird ein anerkanntes Instrument des modernen Unterrichts sein, so Prof. Schachtner.

Erster Referent am zweiten Tag war Prof. Dr. Sönke Knutzen von der Technischen Universität Hamburg. Er stellte fest, dass wir alle derzeit die „digitale Disruption“ erleben, also die grundlegende Veränderung unserer Lebens- und Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Zu Illustration zeigte er zwei Fotos, die genau zur selben Uhrzeit an einer bestimmten New Yorker Straßenkreuzung aufgenommen wurden. Zwischen den beiden Fotos lagen nur wenige Jahre. Im älteren Foto dominiert die Farbe Gelb, da auf der Straße viele Taxis zu sehen waren. Auf dem aktuelleren Foto waren keine Taxis mehr zu sehen, da die Mitfahrapp Uber das bisherige Taxigeschäft in New York nahezu verdrängt hatte.

Ähnliche Veränderungen sind hier zu sehen, das ältere Foto zeigt in Rom die Via Della Conciliazione Richtung Petersplatz, als viele Gläubige dem verstorbenen Papst Johannes Paul II die letzte Ehre erweisen wollen. Das neuere Bild zeigt dieselbe Stelle im Jahr 2013, als die Gläubigen auf den ersten Auftritt des neuen Papstes warten. Sieht man auf dem Bild von 2005 ca. eine Handvoll Personen mit Handys, so erkennt man auf dem Foto von 2013 ein Lichtermeer von Handy- und Tabletbildschirmen.

Das Inverted Classroom Model und die Digitalisierung der Lehre sind für Prof. Knutzen keine Garanten für bessere Schulnoten oder Prüfungsergebnisse; doch sie sind Ausdruck der Verantwortung, die jeder Lehrende gegenüber seinen Schülern oder Studenten hat, mit den disruptiven Prozessen der Gegenwart und Zukunft umgehen zu können.

Wie an den Unis in 10 Jahren gelehrt und gelernt wird, kann Prof. Knutzen heute noch nicht abschätzen. Er fragt aber, wer in Zukunft bereit sein wird, jahrelang zu studieren, um Wissen zu erwerben, mit dem man dann im Beruf nur wenige Jahre auskommen wird. Er prophezeit, dass jeder Beruf in den nächsten 5 Jahren seine digitalen Herausforderungen zu meistern haben wird.

Den anschließenden Workshop „Flexibilisierung, Individualisierung & Wirksamkeit“ hielt Anglistik-Professor Dr. Jürgen Handke.

Er stellte dabei u.a. das von ihm praktizierte Modell FLOCK vor.

FLOCK steht für „FLexibler On-Campus Kurs“; dabei erfolgt die Wissensvermittlung – natürlich – per Video. Das neue System ermöglicht es nun aber, dass die Studenten ihr Lerntempo selbst auswählen können. Im 7-Tage-Takt haben sie alle sieben Tage ein Video auf die nächste Vorlesung anzuschauen und die Inhalte zu lernen. Wer schneller ist, der kann den 5-Tage- oder 3-Tagestakt wählen. In der „Vorlesung“ werden keine Wissensfragen mehr beantwortet, nur noch geübt, wobei das Problem nun darin besteht, dass die Studenten gemäß ihrem Takt unterschiedliches Vorwissen mitbringen. Aus diesem Grund teilt Prof. Handke den Hörsaal in drei Bereiche ein. Vorne sitzen z. B. die 3er, in der Mitte die 5er und hinten die 7er-Studierenden. Damit Handke die Studenten bei den Übungen individuell betreuen kann, wird im Hörsaal jede zweite Reihe freigelassen. So kann er jeden Studenten an seinem Platz erreichen und ihm Hilfe anbieten.

Studierende, die den 3-Tage-Takt wählen, sind naturgemäß früher mit dem gesamten Stoff durch und können die Prüfung somit auch früher ablegen. Damit sind zum Semesterende also weniger Prüfungen zu schreiben, die Prüfungszeit ist also entzerrt. Studierende z. B. des 3er-Takts können die evtl. nichtbestandene Prüfung schon wenige Wochen später wiederholen, nämlich gemeinsam mit den 5er- oder 7er-Kandidaten und müssen nicht ein ganzes Semester warten.

Voll mit wertvollen Anregungen ging es am Mittwochnachmittag mit dem Zug zurück nach Passau, dabei begleitete mich Mag. Stefanie Schallert von der BHAK in Wien. Während der Fahrt tauschten wir uns über unsere Erfahrungen mit Flipped Classroom aus und wie wir die Präsenzphase (den Unterricht) gestalten, wenn dort ja keine Wissensvermittlung erfolgen muss.

Auch in diesem Jahr erkannte ich: Die Workshops sind informativ und lehrreich; doch genauso inspirierend und wichtig sind die Gespräche und die Vernetzung mit anderen Flippern: Julia Werner (PH Heidelberg mit ihrem Projekt Flip your Class!), Christian Freisleben-Teutscher von der FH St. Pölten, Ferdinand Stipberger, den Jungs von Flipped Classroom Austria oder dem Team vom ICM-Chat.

Übrigens: In der abendlichen Runde hatten wir festgestellt, dass in diesem Jahr mehr Teilnehmer aus dem Schulbereich dabei waren als noch 2016. Beweis dafür, dass das Gras im vergangenen Jahr höher und die Wiese dichter bewachsen geworden ist.

Im nächsten Jahr findet der ICM am 21. und 22. Februar wieder in St. Pölten statt, und vielleicht hat sich bis dahin an unserer Schule ein kleines Team von Flippern gebildet, das mich nach Niederösterreich begleiten wird. Denn – wie sagte ein Teilnehmer so schön? – ein neuer Lehrplan bietet auch die Chance für Veränderungen.